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Donnerstag, 20. Oktober 2016

Der Fall Jens Söring: Täterschaft (Teil 2: Motiv und Alibi)

Das Motiv

In den meisten Mordfällen führt das Motiv zum Täter. Wie sieht es also bei den Haysom Morden aus?  Fest steht, dass Elizabeth Haysom ihre Eltern gehasst hat und sich ausdrücklich ihren Tod gewünscht hat. Dies geht aus den Briefen hervor, die sie Jens im Dezember 1985 schrieb (alles zu dem Briefverkehr könnt ihr in den Blogeintrag Die Briefe und das Tagebuch nachlesen). Zudem gab es Anzeichen dafür, dass Elizabeth von ihrer Mutter sexuell missbraucht wurde. Es sollen Fotos existieren, die diese These belegen. Jens Söring, will diese in dem Haus der Haysoms gesehen haben. Im Jahr 2016 hat Elizabeth bestätigt, dass sie von ihrer Mutter sexuell missbraucht wurde (Quelle: Frank Green, Richmond Times-Dispatch, 11.09.2016).

Von Jens Söring wissen wir, dass Elizabeth seine erste große Liebe war. Endlich hatte der behütete Diplomatensohn, der zwar hervorragende schulische Leistungen erbringt, aber soziale Defizite aufweist, das passende Gegenstück gefunden: Elizabeth, ebenfalls überdurchschnittlich intelligent und behütet aufgewachsen wie er selber. Beide sprechen mit einem ungewöhnlichen Akzent und sind sicher nicht freiwillig mit den Eltern ins dörfliche Virginia gezogen. Jens und Elizabeth haben also ähnlich ungewöhnliche Biografien und Probleme, die sich daraus ergeben. Was Elizabeth Jens voraus hat, ist ihr Status an der Universität. Im Gegensatz zu ihm ist Elizabeth sozial integriert. Erst durch die Beziehung zu Elizabeth wird Jens Teil seiner Bezugsgruppe.

Aus diesem besonderen Verhältnis heraus erklärt sich auch, warum Jens von Elizabeth geradezu besessen war. Für Jens muss eine Welt zusammengebrochen sein, als er erfuhr, dass sich die Eltern von Elizabeth gegen die Beziehung ihrer Tochter zu ihm ausgesprochen haben. Derek Haysom ging sogar so weit, damit zu drohen, Elizabeth von der Uni zu nehmen, wenn die Beziehung zu Jens nicht beendet wird.

Die Angst von Jens seine Elizabeth wieder zu verlieren, mag noch kein Mordmotiv darstellen. Aber Gutachter haben bei Jens Söring eine induzierte wahnhafte Störung festgestellt („Folie à deux“). Gemeint ist, dass eine psychotische Ansteckung einer geistesgesunden (hier: Jens Söring), in der Regel aber seelisch labilen Person durch einen Psychose-Erkrankten (hier: Elizabeth Haysom). Es ist durchaus üblich, dass es eine sozial isolierte Person, wie Jens Söring von dieser Störung betroffen ist. Konkret gab einer der behandelnden Ärzte zu Protokoll: “Miss Haysom hatte einen verblüffenden und hypnotisierenden Einfluss auf Söring, welcher ihn in einen abnormen psychologischen Zustand ohne die Fähigkeit zum vernünftigen Denken versetzte.“ (Bill Sizemore, Virginian Pilot, 18. Februar 2007).

Es ist also durchaus möglich, dass Jens, bedingt durch seine Geisteskrankheit, den Hass von Elizabeth auf ihre Eltern aufgesaugt hat.

Das Alibi

Erinnern wir uns: Jens Söring gibt an, dass er in Washington D.C. geblieben sei, während Elizabeth Haysom nach Charlottesville fuhr um Drogen zu transportieren. Zwecks Beschaffung eines Alibis, sollte er zwei Kinokarten besorgen. Diese Kinokarten konnte Jens Söring bei seinem Prozess auch vorlegen. Sie waren also in seinem Besitz als er verhaftet wurde.

Nur gab Elizabeth Haysom an, dass sie diejenige sei, die damals die Kinokarten besorgte. Wer von beiden lügt? Bei neutraler Betrachtung kommt man zu dem Schluss, dass die Kinokarten gar nichts aussagen. Denn erstens, lässt sich nicht mehr feststellen, wer sie tatsächlich erworben hat. Denn zwischen Erwerb der Karten und der Festnahme von Elizabeth Haysom und Jens Söring lagen etliche Monate. Die Karten können also in Zwischenzeit hin und her gereicht worden sein. Zweitens können die Karten von einer beliebigen Person vor der Fahrt nach Charlottesville gekauft worden sein. Die Kinokarten taugen also in keinem Fall als Unschuldsbeweis. 

Ein interessantes Detail in diesem Zusammenhang ist Skizze von dem Kino, die in dem Tagebuch von Elizabeth Haysom gefunden wurde. Wie die Skizze in das Tagebuch von Elizabeth gekommen ist, wenn Jens im Kino war? Ich bin aber der Meinung, dass es sich bei der Skizze um ein relativ schwaches Indiz handelt. Ein starkes Alibi lässt sich daraus jedenfalls nicht konstruieren.

Letztlich gibt es noch eine Quittung vom Zimmerservice des Hotels in Washington D.C. Die Bestellung wurde nachweislich mit der Kreditkarte von Jens bezahlt. Gleichwohl trägt die Quittung keine Uhrzeit. Somit taugt sie nicht als Beweis, für die Anwesenheit von Jens in Washington während der fraglichen Zeit (Samstagnachmittag- Samstagnacht).

Übrigens konnten in Washington keine Zeugen ausfindig gemacht werden (Hotelangestellte, Mitarbeiter des Kinos, etc.), die Jens oder Elizabeth an dem Samstag in Washington gesehen haben.

Fazit:

Sowohl Jens Söring wie auch Elizabeth Haysom habe ein Motiv für die Tat und beide können kein Alibi vorweisen.




Dienstag, 18. Oktober 2016

Der Fall Jens Söring: Täterschaft (Teil 1: Einführung)

Unbestritten ist, dass Jens Söring und Elizabeth Haysom an der Tat beteiligt waren. Es ist lediglich fraglich, welche Rolle sie in dem Mordfall Haysom gespielt haben. Theoretisch können Jens Söring und Elizabeth Haysom die Taten entweder alleine oder mit einem Komplizen begangen haben.

Die Staatsanwaltschaft vertrat vor Gericht die Theorie, dass Jens Söring die Tat alleine begangen habe. Gestützt wurde diese These zunächst durch die Geständnisse von Jens Söring, die er in England kurz nach seiner Verhaftung abgelegt hat. Auch Elizabeth Haysom stützt diese These. Vor Gericht sagte sie aus, dass sie in Washington auf Jens Söring gewartet hätte, während er nach Boonsboro fuhr um ihre Eltern zu töten.

Um diese These zu stützen, brachte die Staatsanwaltschaft noch weitere Indizien vor Gericht ein, nämlich den Briefverkehr zwischen Jens Söring und Elizabeth Haysom, den Tisch im Hause Haysoms, der für drei Personen gedeckt war und den blutigen Sockenabdruck der am Tatort gefunden wurde und der nach der Aussage eines Sachverständigen zu Jens Söring passt (diese Aufzählung ist nur beispielhaft).

Nach der Mordnacht versuchen Elizabeth Haysom und Jens Söring ein normales Leben vorzutäuschen und verbleiben zunächst in Virginia. Erst als die Polizei den beiden auf die Spur kommt fliehen sie ins Ausland. Zunächst Jens Söring alleine, danach auch Elizabeth Haysom. Sie begeben sich auf eine kleine Weltreise die sie unter anderem nach Thailand, Russland und England führt. Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, begehen sie mehrfach Straftaten. Schließlich führt diese Lebensweise dann auch zu ihrer Verhaftung in England.

Allerdings werden sie zunächst nur wegen Scheckbetruges verhaftet, die Verbindung zu den Haysom Morden kommt erst zustande, als die Ermittler die Briefe finden, die sich Elizabeth Haysom und Jens Söring im Winter 1984/ 1985 schrieben. Nach langen juristischen Tauziehen wird Jens Söring schließlich in die USA ausgeliefert. Elizabeth Haysom reist freiwillig in die USA aus, um sich der Gerichtsbarkeit zu stellen.

In den nächsten Blogs werden wir uns die oben aufgeführten Indizien genauer ansehen.

Montag, 17. Oktober 2016

Der Fall Jens Söring: Einleitung


Der Doppelmord an dem Ehepaar Haysom beschäftigt die Gemüter seit rund 30 Jahren, beinhaltet er doch alle Zutaten eines fesselnden Kriminalfalles:

Am 30.03.1985 wurden William und Nancy Haysom in einem Vorort von Lynchburg, Virginia Opfer eines ebenso perfiden wie brutalen Mordes. Die mutmaßlichen Täter Jens Söring und  Elizabeth Haysom waren zunächst ein Liebespaar. Ausgestattet mit einem hochbegabten Stipendium, studierten beide an der örtlichen Universität. Er, der Nerd, ohne Erfahrungen mit Frauen, sie, eine betörende Schönheit die schon viel erlebt hatte. Als sich die Polizei ihnen näherte, gipfelten die Ereignisse in einer spektakulären Flucht ins Ausland. Später wurden sie von den Ereignissen der Mordnacht entzweit. Liebe und Besessenheit lösten sich in Verrat und Zwietracht auf.

Jens Söring wurde am 04.09.1990 nach einem Aufsehen erregenden Prozess wegen des Doppelmordes an den Haysoms zu zweimal lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Wegen Anstiftung zum Mord („accessory to murder before the fact“) verurteilte das Gericht Elizabeth Haysom am 08.10.1987 zu 90 Jahren Gefängnis. Dessen ungeachtet ist bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, wer diese Morde verübt hat.

So beteuert Jens Söring bis heute seine Unschuld. Er habe die Morde nicht begangen, sondern Elizabeth Haysom, in Komplizenschaft mit einer anderen, bisher unbekannten Person. Demnach sieht die Abfolge der Ereignisse nach Aussage von Jens Söring wie folgt aus:

In den frühen Morgenstunden des 31.03.1985, gesteht Elizabeth Haysom Jens Söring in Washington D.C., wo beide ein gemeinsames Wochenende verbringen, dass sie, entgegen einer früheren Darstellung, doch noch Drogen nähme und auf Grund von Schulden, die sie bei ihrem Dealer hätte, eine Drogenkurierfahrt nach Charlottesville unternehmen müsse. Zwecks Beschaffung eines Alibis, solle er zwei Kinokarten besorgen. Elizabeth Haysom kehrt erst spät in der Nacht ins Hotel zurück und erklärt, dass sie ihre Eltern ermordet habe. Jens Söring will die Schuld auf sich nehmen, um sie vor dem elektrischen Stuhl zu retten und weil er annimmt durch den Diplomatenstatus seines Vaters geschützt zu sein.


Elizabeth Haysom hingegen stellt Jens Söring weiterhin als den alleinigen Täter dar, denn sie habe Jens Söring lediglich zur Tat verleitet. Zur Tatzeit selber sei sie in Washington D.C. gewesen. 

Unbestritten ist, dass Jens Söring und Elizabeth Haysom an der Tat beteiligt waren. Es ist lediglich fraglich, welche Rolle sie in dem Mordfall Haysom gespielt haben. Theoretisch können Jens Söring und Elizabeth Haysom die Taten entweder alleine oder mit einem Komplizen begangen haben.

Die Staatsanwaltschaft vertrat vor Gericht die Theorie, dass Jens Söring die Tat alleine begangen habe. Gestützt wurde diese These zunächst durch die Geständnisse von Jens Söring, die er in England kurz nach seiner Verhaftung abgelegt hat. Auch Elizabeth Haysom stützt diese These. Vor Gericht sagte sie aus, dass sie in Washington auf Jens Söring gewartet hätte, während er nach Boonsboro fuhr um ihre Eltern zu töten. Um diese These zu stützen, brachte die Staatsanwaltschaft noch weitere Indizien vor Gericht ein, wie beispielsweise den Briefverkehr zwischen Jens Söring und Elizabeth Haysom, den Tisch im Hause Haysoms, der für drei Personen gedeckt war und den blutigen Sockenabdruck der am Tatort gefunden wurde und der nach der Aussage eines Sachverständigen zu Jens Söring passt.

Welche Version entspricht der Wahrheit?

Sinn und Zweck dieses Blogs soll nun sein, einen unaufgeregten und neutralen Beitrag zu verfassen, der alle möglichen Aspekte des Falles sachlich bewertet. Der Schwerpunkt dieses Blogs liegt in der Rekonstruktion der tatsächlichen Ereignisse bzw. in der Beantwortung der Frage, wer die Tat tatsächlich begangen hat. Alle anderen Aspekte des Falls, wie beispielsweise die gescheiterte Haftüberstellung von Jens Söring nach Deutschland, werden, soweit nicht unmittelbar relevant, nicht näher beleuchtet.


Als Quelle für diesen Blog dienen alle frei zugänglichen Quellen, also beispielsweise Ermittlungsakten, Sachverständigengutachten, Polizeiberichte, Zeugenaussagen, Presseberichte und Gerichtsurteile.